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Aufruf: Schluss mit dem rassistischen Backlash in der Berliner Queer-Szene!

Eingerichtet von: Jihan Dean

Drei Jahre, nachdem Judith Butler beim Berliner CSD den „Preis für Zivilcourage“ wegen Rassismus und Ausgrenzung in der Queer-Szene ablehnte, hat offenbar in vielen queeren Gruppen immer noch keine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Vorwürfen stattgefunden. Ganz im Gegenteil, es findet ein rassistischer Backlash statt! Dabei wird denjenigen, die gegen Rassismus intervenieren, ein übertriebenes „Schwarz-Weiß-Denken“ unterstellt und der Versuch unternommen, sie zum Schweigen zu bringen!

Dies zeigen die jüngsten Ereignisse auf der „Genderliste“, einer Mailingliste, die von Studierenden der Gender Studies an der HU Berlin eingerichtet wurde, und auf der Facebook-Seite von Mutvilla, der „autonomen LesBiSchwulQueeren Gruppe“ des Referent_innenRats der HU Berlin.

Während die meisten Queers of Color nicht (mehr) die Energie und die Nerven aufbringen, sich in direkte Konfrontationen mit weiß dominierten Strukturen in der Queer-Szene zu begeben, hatte Nadezda Krasniqi den Mut (ja, die Zivilcourage), sich auf der „Genderliste“ über eine zuvor dort verschickte Einladung zu einer Konferenz über „Antiziganismus“ (schon die Verwendung dieses Begriffes ist Teil ihrer Kritik) zu beschweren, die den Rassismus und die strukturelle Ausgrenzung gegenüber Rroma und Sinti reproduzierte. Wenig später intervenierte sie auch gegen die kulturelle Aneignung von Widerstandssymbolen Schwarzer Menschen wie z.B. das Tragen von Dreadlocks. In vielen Antworten auf ihre Kritik wurde das gesamte Repertoire weißer Abwehrmechanismen abgespult. Den negativen Höhepunkt bildete eine als „uneigentlich“ getarnte rassistisch-sexistische Beleidigung gegen Nadezda. Gegen diesen Angriff schritten nur vereinzelt Mitglieder der Mailingliste ein. Der Angreifer blieb unbehelligt auf der Liste und konnte wiederholt seine These des umgekehrten Rassismus verbreiten. Nicht er, sondern Nadezda wurde als Störung, und sogar als Gefahr bezeichnet und von bekannten Queers dazu aufgefordert, die „Diskussion“ woanders fortzusetzen. Auf der Mutvilla-Facebook-Seite, auf der Nadezda um Unterstützung bat, wiederholte sich dies – anstelle einer Solidarisierung wurde sie geschichtlich belehrt, ihr „Ton“ wiederholt kritisiert und unterstellt, dass die Gewalt und die Bedrohung von ihr ausginge. Stattdessen wurde behauptet, dass es bei Mutvilla noch nie Rassismus gegeben hätte.

Zur allgemeinen Überraschung und Verwunderung hat sich selbst die Mädchenmannschaft, ein Internet-Blog, der sich als antirassistisch und queer-feministisch präsentiert, und sich großer Beliebtheit und Einflusses erfreut, trotz mehrmaliger Nachfragen in keinster Form solidarisch geäußert. Für uns ist fraglich und traurig, dass weiß dominierte Queer-Gruppen, wenn es um Rassismus geht, selten ihre politische Verantwortung wahrnehmen.

Um den Rassismus sichtbarer zu machen suchte sich Nadezda außerhalb dieser Internet-Kontexte Unterstützung, und es bildete sich eine kleine Gruppe, die eine Veranstaltung zu „Rassismus im Berliner Queeren Netz“ organisierte. Diese fand am 7. Mai '13 im Rahmen der Queeren Hochschultage (QHT) an der HU Berlin statt. Nach Inputs zu Rassismus, kultureller Aneignung und weißen Abwehrstrategien, die konkret anhand der Genderliste und der Mutvilla-Facebook-Seite aufgezeigt wurden, setzten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen zusammen und erarbeiteten Vorschläge für ein entschiedenes Vorgehen gegen Rassismus in queeren Räumen. Unter den vielen Personen, die den Seminarraum direkt nach den Inputs verließen, ohne ein Wort gesagt zu haben, waren gerade diejenigen, die bei Mutvilla dafür sorgen, dass weiße Räume weiß bleiben.

Weiter wurde die Forderung aufgestellt, dass Mutvilla die Einnahmen aus der Abschluss-Party der Queeren Hochschultage als „Wiedergutmachung“ zur Verfügung stellt. Für die Verwendung gab es konkrete Ideen, die von der Bildungs- und Aufklärungsarbeit über Rassismus in der Queer-Szene bis hin zur Unterstützung bestehender Projekte von Roma gingen. Anstatt an dieser Stelle klar die Verantwortung zu übernehmen, sagten die QHT – mit der Begründung, auf diese Forderung nicht eingehen zu können – die Party drei Stunden vor geplantem Beginn einfach ab.

Das inzwischen herausgegebene Statement der QHT (zu finden auf der Genderliste und der Mutvilla-Facebook-Seite) dient wieder nur dazu, sich „einzuopfern“ und das eigene Handeln zu rechtfertigen. Wir empfinden dies als erneuten Schlag ins Gesicht, denn so wird die massive Aufklärungsarbeit von People of Color, Schwarzen Menschen und Rroma, die in diesem Zusammenhang geleistet wurde, wieder nicht anerkannt.

Es geht einfach nicht, dass in virtuellen Räumen wie der Mutvilla-Facebook-Seite ein „weißer Kuschelraum“ geschaffen und aufrechterhalten wird, indem die Beiträge von Queers of Color gelöscht werden, weil sie unbequem sind und stören!

Wir lehnen Lippenbekenntnisse, man werde sich in Zukunft stärker mit Rassismus auseinandersetzen, ab! Wir lehnen auch den Vorschlag ab, durch „crowd funding“ Geld für Rroma-Projekte zu sammeln und karitativ zu spenden! Wir fordern stattdessen eine politische Verantwortungsübernahme!

Eine solche Verantwortungsübernahme wäre es, als Verantwortliche sichtbar zu werden, sich mit allen Beteiligten zusammenzusetzen und über eine angemessene „Wiedergutmachung“ zu sprechen und diese auch umzusetzen.

Wir fordern ein sofortiges Ende des Schweigens und Wegschauens zu Rassismus (verwoben mit Sexismus und Klassismus) in der Berliner Queer-Szene! Wir fordern von allen, die Teil dieser Szene sind, Verantwortung dafür zu übernehmen, was auf den Mailinglisten, Facebook-Seiten und in anderen virtuellen und reellen Räumen passiert! Wir werden die Entwicklungen in der Berliner Queer-Szene weiter beobachten.

Zusammenfassung: Teilnehmer 97, Kommentare 5

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5 Kommentare
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Fidan YIligin
3. Juni 2013, 11:15
dieselben Mechanismen spielen sich Gesamtgesellschaftlich und auch in interkulturellen Mädchenarbeitsgruppen in NRW ab! Pädagoginnen of Color werden denonciert und herabgewürdigt. Weiße Pädagoginnen sind plötzlich die armen Opfer von Pädagoginnen of Color.
Es passiert immer und überalle, auch da wo gegen Ungleichheiten gekämpft wird, werden Rassismen reproduziert um eigen Priviligien zu behalten. Wer wird beschüzt? Was wird damit beschüzt? Ist das wirklich WUT? oder doch eher Angst Privilegien zu verlieren?
Fidan YIligin
Aretha Apithy
29. Mai 2013, 17:40
Ich schließe mich meinen beiden vor-kommentaren an; ich werde stets entsprechende unterfangen unterzeichnen, frage mich jedoch imemr wieder woher diese unerschöpfliche (und vor allem unbegründete) hoffnung und energie rührt, sich mit menschen auseinandersetzen zu wollen, die pardou NICHT WOLLEN (und ob sies können weiß niemand...)
ziska
27. Mai 2013, 23:53
den absatz über die mädchenmannschaft würd ich so nicht unterschreiben, aber möchte mich trotzdem solidarisch zu dem anliegen zeigen.
Alkaios
27. Mai 2013, 19:11
Ich unterstütze voll und ganz den Aufruf, habe aber wenig Hoffnung auf adäquate Auseinandersetzung mit der genannten Szene...
Ruth Orli
26. Mai 2013, 21:13
Danke für die unermüdlichen Interventionen!